Regarde! chuchote-t-il. Une livie!
Erst habe ich gedacht, dass es nur eine dicke Fliege ist.
“Alors il sera mon ami envers et contre nous.”
M. Ducharme, ein böses Wortspiel?
Wider und gegen uns. Also wird er mein Freund wider und gegen uns sein. Ich schlage “envers” nach. Ich schlage “contre” nach. (Wie ich mich selbst bemitleide wegen der wenigen Jahre an Schulfranzösisch. In deren ersten Jahr ich mit der Lehrerin flirtete. Und im zweiten das meiste vergaß, was ich im ersten gelernt habe.) Ich google, also bin ich.
Alors, envers et contre tous/tout. Das meint: against all odds. Gegen alle Erwartungen.
Ich tue mich schwer, vom englischen ins deutsche Idiom zu wechseln. Jede Intuition ist überlagert von Grübeln und tiefem Schlamm. O, marais.
Envers et contre nous, das würde ich mit against all us übersetzen, weiß aber nicht, ob das für Muttersprachler ein ebenso nachvollziehbares Wortspiel ist wie der Tausch von tous und nous. Odds versus us. Das hilft ja dann auch nur ein wenig weiter, um den Sinn zu erahnen, der in diesem kleinen Satz steckt.
Da wünscht eine Schwester sich, ihre Freundschaft zu ihrem Bruder nach und nach zu zersetzen, als Gedankenspiel eitler Selbstgefälligkeit zu begreifen. Stattdessen Verachtung und Zuwidersein. Na, das sind ja einmal geschwisterliche Gefühle und Zielsetzungen.
Barbara Bray, die eine englische Übersetzung verantwortet, ignoriert das Wortspiel und trifft so daneben: “Then he’ll be my friend against the whole world.” Als wenn die beiden gemeinsam gegen die Welt stünden. Darum geht es so denke ich gar nicht. Die ganze Welt ist Bérénice Einberg herzlich egal. Ihre Welt ist in ihrem Kopf. Das bestimmt alles. Es geht um ihren Bruder Christian und sie, genau genommen, und wie sie sich und ihn und ihr Verhältnis schaffen will. Das “nous” ist in ihrem Kopf.
Wenn am Ende dieses geplanten Entfreundungsverfahrens Christian gleichwohl ihr Freund sein sollte, dann entgegen ihrer Vorstellung des “nous”, gegen ihren Plan.
Und im Deutschen?
Er wird also ihr Freund sein gegen alle unsere Erwartungen. Er wird es sein entgegen all unseren Hoffnungen.
Gegen jegliche Zuversicht.
Envers et contre nous.
Entgegen allem was uns ausmacht. Gegen jegliches Wir.
Bliebe noch die Suche nach einem angemessenen deutschen Wortspiel.
Ich muss passen. Ich brauche jetzt Abstand. Den Kopf abstellen.
(Kapitel 9)
Wie schön, dass Peterlicht am Ende des Tages zu Bérénices Auslassungen zu Erhabenheit vor dem Spiegel und der Notwendigkeit sich selbst treu zu sein, “frei, frei” singt.
Stundenlang stehe ich heute mit kalten Füßen am Rande des jämmerlichen Rosenmontagszuges am Torhaus, weil Maya den Süßigkeiten nachjagt. Die Sonne scheint und doch will sich mein Kopf nicht einlassen und geradezu körperlichen Schmerz bereitet die Dürftigkeit der zur Schau gestellten Wagen: einfallslos, lieblos, sinnlos. Helau.
Frei, frei. Das Mädchen freut sich, und Hand in Hand gehen wir nach Hause. Glücklich.
Frei, frei.
Wir werden geboren wie Statuen geboren werden. Wir kommen als Statue auf die Welt: etwas hat uns erschaffen und wir müssen lediglich leben wie wir geschaffen wurden. Ganz einfach. Ich bin eine Statue, deren Arbeit darin besteht sich zu ändern, die sich selbst zu etwas anderem umformt. Wer sich selbst gemacht hat, weiß wer er ist. Der Stolz gebietet es das zu sein, was man möchte. Was wirklich zählt ist die Befriedigung des Stolzes, ist vor sich selbst das Gesicht zu wahren, ist Erhabenheit angesichts eines Spiegels, ist Ehre und Würde aufrechthalten auf Kosten fremder Kräfte, die über die Seele herfallen, während sie noch keimt.
“… und aus dem unermesslichen Dunkel der Erde tauchen Glocken zu Tausenden auf um zu läuten.”
Mit Kapitel 8 begonnen. Die tote Katze spricht über die Liebe. Die Liebe. Sie lieben sich. Ich liebe dich. Du liebst mich. Wie entwürdigend. Aus dem Nichts. Er ganz hin, sie im 7. Himmel. Und können beide nichts dafür. Boom. Immer dasselbe. Er und sie. Haben nicht danach gesucht, es ist einfach über sie gekommen. In die Falle getappt und finden sich ganz wohl darin.
Ich tauche ab in Spiro. Lightbox, weil nur so die Alltagstöne um mich aus dem Kopf zu halten sind. Eigene Schuld, am Esstisch sitzend übersetzen, weil ich die Einsamkeit des Arbeitszimmers scheue. Einer winkt, einer singt. Bérénice Einberg hat idiosynkratische Einstellungen zu Liebe und Gefühlen, zu Vater, Mutter und Bruder. Was mir lieb ist, lehnt sie ab. Harsch und unerbittlich. Eine Pickelfresse. Zu allem fähig.
Am Ende wünsche ich mir einen Abschluss. Das Erreichen des letzten Satzes. Zeit finden oder mir nehmen: Auf so vieles andere verzichten.
Als ich vor einigen Jahren noch als Student mit einem Freund im Kino Léolo sah, stand der auf, um das Kino zu verlassen, weil auf der Leinwand beim Verzehr der zuvor zu Masturbationszwecken verwendeten Leber der große Bruder Léolos auf einen Fremdkörper beißt und auf eine verständliche Lüge des kleinen Leo hin das an der Küchenwand hängende Jesuskreuz zu Boden fällt. Das war mutmaßlich zuviel für eine katholisch empfindende Studentenseele. (Wir sind im Münsterland!) Ich hielt die Seele beim Arm und den sie umhüllenden jungen Mann im Sitz zurück.
Als ich den Film kürzlich meinen Söhnen zeigte, urteilten Sie noch vor dem Abspann: “Verstörend.” Meiner Frau habe ich nichts davon erzählt. Der Jüngere der Beiden ist zwölf.
Ich begann mich erneut für den Film zu interessieren. Ich hörte The Lady of Shalott, las Tennyson und schließlich begann ich das Buch wieder zu lesen, das einen zentralen Platz im Film einnimmt. Das einzige Buch im Haushalt. Als Tischuntersatz von einem Besucher untergeschoben. Im Licht des Kühlschranks nachts heimlich gelesen. Es hilft Léolo am Ende nicht, es gelesen zu haben.
(Ich habe gelesen, dass der Mann, der aus dem jungen Schauspieler herangewachsen ist, der damals die Rolle des Léolo spielte, in Kanada eine Autowaschanlage bedient. Ihm hat das Buch wohl auch nicht wirklich geholfen. Aber das ist eine andere Geschichte. Bei Tennyson steht am Ende ritterliche Gunst und Gnade für die Lady. Léolo findet diese auf seine Art im Eisbad der Nervenheilanstalt.)
Warum ich anfing, das Buch zu übersetzen, kann ich gar nicht sagen. Und wie schwer es mir fällt es zu übersetzen, entzieht sich jeder Beschreibung. Zwei Jahre Schulfranzösisch liegen Jahre zurück.
Réjean Ducharme. L’avalée des avalés. Ins Englische übertragen zu The Swallower swallowed. Welch ein Elend, schon allein lautlich der Abfall vom Original zur englischen Übersetzung. Dieses Problem werde ich zuletzt lösen müssen. Schlucken ist nun nicht unbedingt der Klang, der dem geschmeidigen Französisch nahe kommt. Vielleicht muss es das auch nicht.
Also: Hier werde ich von einem Prozess zu berichten versuchen, in dessen Mittelpunkt ein sich Quälen am französischen Text steht. Könnte ein Scheitern werden. Aber das wäre auch noch zu schlucken.
— Der Beginn